Gegen den Wind geht fast alles schief - Königinhof (Dvůr Králové) knapp verfehlt - in Gradlitz (Choustnikovo Hradiště) gestrandet
Der 5. Tag
In der Nacht hatte es geregnet und Morgen war grau in grau. Voller Optimismus gingen wir den Tag an. In der Hoffnung, doch etwas weiter zu kommen als geplant. Vielleicht gar bis Dvůr Králové. Dann wären es für den Folgetag nur 35 km bis Hohenelbe /Vrchlabi. Der erste Versuch war jedoch ein Fehlversuch. Mein Rad gibt seit einigen Tagen Geräusche von sich, die nicht normal sein können. Der Versuch einer Reparatur oder wenigstens einer Ursachenfindung scheiterte. Macht nix, es geht trotzdem weiter.
09:30 Uhr ging es los. Raus aus Pardubitz war wesentlich einfacher als reinzukommen und im Nu waren wir auf Kurs. Die Qualität des Weges ließ heute keine Wünsche offen. Die Landschaft war reizvoll. Burgen und Elbe.
Ich hätte gern die Gedenkstätte in Chlum besucht. Aber das gaben der Zeitplan (und vielleicht auch meine Kondition) nicht her.
Mehr als 400.000 Soldaten kämpften am 3. Juli 1666 auf preußischer, österreichischer und sächsicher Seite gegeneinander in der Schlacht bei Königgrätz. Die Preußen gewannen gegen die verbündeten Österreicher und Sachsen und schufen damit eine wesentliche Grundlage für die Gründung des Deutschen Reichs 1871. Und wir Sachsen waren, wie so oft, auf der Verliererseite. Ca. 50.000 Soldaten bezahlten diesen Wahnsinn mit Ihrem Leben.
Am Weg lag dann Hradec Králové /Königgrätz. Der Marktplatz sehenswert und sicher einer der schönsten in Böhmen.
Gegen Mittag erreichten wir Jaroměř /Jermer. Einen kleinen Imbiss am Elbufer ließen wir rechts liegen und wollten stattdessen am Markplatz eine kurze Rast im stilvollen Ambiente einlegen. Den Marktplatz fanden wir auch, er machte allerdings gegen jede Erwartung einen absolut trostlosen Eindruck. Unrestaurierte Fassaden, ein geschlossenes Hotel und eine zwielichtige Pizzeria waren scheinbar alles was geboten wurde. Und kaum Menschen. Fast war man geneigt zu glauben, dass die Schlacht von Königgrätz soeben zu Ende gegangen war. Zweifelsfrei hat die Stadt Potenzial, es müsste nur gehoben werden.
Es fand sich jedoch ein „Potraviny“, also ein Tante Emma - Laden. Loni war voller Hoffnung, kehrte aber nach wenigen Minuten unverrichteter Ding zurück. Es waren zwar zwei Verkäuferinnen present. Sie verfügten allerdings nicht über die erforderliche Hardware um zwei bargeldlos reisenden Radlern Hörnchen, Wurst und Wasser zu verkaufen.
An dieser Stelle war damit das Experiment „ohne Bargeld durch Freundesland“ endgültig gescheitert, nach dem bereits ein Tag vorher nur Euroscheine eine Zahlung ermöglichten. Der Bankomat der Sparkasse zahlte natürlich bereitwillig auch an Volksbankkunden Kronen aus! Aber es war schon eine Überwindung!
Natürlich wollte Loni nun nicht noch einmal mit Bargeld in den „Potraviny“ zurück. Also musste ich. Was problemlos gelang: Parky, rohliky und Fanta konnten gegen Bares erworben werden. Das erste Problem gelöst.
Das zweite erwies sich als wesentlich schwieriger. Und das war die Unterkunft. In Dvůr Králové, einschließlich der näheren Umgebung gab es keine Hotelzimmer mehr. Das scheint ja ein touristischer Hotspot zu sein! Also ans Telefon und alle abgeklappert, die in den Portalen nicht zu finden waren. Nichts zu machen.
Endlich, nach fast zwei Stunden intensiver Bemühungen ein Ja für eine Pension in Chroustnikove Hradiště. Auf tschechisch kaum aussprechbar, auf deutsch Gradlitz. Was wesentlich leichter von der Zunge ging und dann später auch auf dem örtlichen Kriegerdenkmal zu lesen war: „Unsere Helden aus Gradlitz“ - auch sinnlos gestorben zwischen 1914 und 1918.
Nachdem wir Wurst und Hörnchen verspeist hatten, waren die 15 km kein allzu großes Problem. Sehenswert unterwegs das Hospital von Kuks. Es wurde zu Beginn des 18.Jahrhunderts für die Veteranen der Türkenkriege errichtet, Alte, kranke Männer konnten so von den Barmherzigen Brüdern versorgt werden.
Und dann vielleicht der historische Höhepunkt des Tages. Wir passierten Heřmanice / Hermanitz. Den Geburtsort Albrecht von Wallensteins. Das Geburtshaus ist nicht mehr auffindbar, aber zumindest eine Tafel am Orteingang weist auf ihn hin!
Ankunft in Gradlitz kurz darauf , aber in dem kleinen Ort war ein Pension „Fara“ nicht zu finden. Der Ort war nicht sehr belebt, ein junge Frau kam mit dem Fahrrad aus Richtung Dorfkneipe.
Obwohl mir die Weisheit meines Großvaters , die ihm als junger Soldat im 1. Krieg schon eingebläut wurde „ in der Fremde niemals Frauen und Kinde nach dem Weg fragen“ noch immer allgegenwärtig war, fasste ich mir ein Herz, kramte mein bißchen Tschechisch hervor und fragte nach der Pension „Fara“.
Irgendwie verstand sie es irgendwann, nachdem Loni mit Googlemaps und Buchungsbestätigung deutlich machen konnte, was unser Begehr war. Die Antwort war deprimierend: noch ca. 15 km, dann würden wir „Fara“ finden. Wir bedankten uns artig und ich wußte wieder einmal, Opa hatte Recht: was in Frankreich 1917 stimmte, kann auch in Tschechien 2022 nicht falsch sein.
Aber heute gibt es Handys, also einen Anruf versucht. Eine nette Frau war am Apparat. Leider war sie nur des Tschechischen mächtig, deutsch, englisch, französisch - Fehlanzeige.
Immerhin kaum über das Buchungsportal eine Nachricht die Ortungsdienste zu aktivieren, man würde uns leiten. Nun weiß ich, dass es Ortungsdienste gibt, aber der Datenschutzbeauftragte hatte mir empfohlen diese aus Datenschutzgründen zu deaktivieren. Also konnte uns keiner leiten.
Dann kam noch eine Nachricht: prosim volejte na číslo ….. .Was ich tat. Und ich hatte einen, seriös klingenden, mít böhmischen Akzent sprechenden Herrn am Telefon, der uns offenbarte, das sich die Pension unmittelbar neben der Kirche im Pfarrhaus befindet.
In zwei Minuten waren wir da, wurden ein- und darauf hingewiesen dass eine Reihe von ukrainischen Gästen da seien, ob das ein Problemn wäre. War es natürlich nicht. Und nachdem uns noch der Weg zur Dorfkneipe gewiesen wurde verschwand der gute Mann.
Ende gut, alles gut? Aber das ist eine andere Geschichte.














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